Eltern sein rund um die Welt

 

Wir sind eine vierköpfige Familie: Hans, Alexandra und unsere Kinder Cecilia (4 Jahre) und Gustaf (1,5 Jahre). Wir leben in einer Wohnung im Zentrum von Stockholm, verbringen aber viel Zeit auf dem Land in Stockholms Skärgård. Zwischen Arbeit und Kindern versuchen wir, Zeit für Workouts zu finden (meist Lauftraining, aber auch Skifahren im Winter), wir kochen auch sehr gerne gutes Essen. Hans arbeitet als E-Commerce-Manager für Polarn O. Pyret, eine bekannte schwedische Bekleidungsmarke für Kinderbekleidung. Alexandra arbeitet als HR-Manager bei einer schwedischen Private-Equity-Gesellschaft namens EQT.

Lieber Hans, erzähl uns erst einmal, was ist deine Geschichte und wie bist du nach Schweden gekommen?
Ich bin in Schweden geboren und wir planen, auch in Zukunft hier zu bleiben - vielleicht mit einem kleinen Auslandsabenteuer.

Was kannst du uns über die Geburt in Schweden erzählen?
Nun, als Papa kann ich ja nicht selber ein Kind zur Welt bringen, aber ich war natürlich bei beiden Geburten dabei. In Schweden kann man selber wählen, wie man die Geburt gestalten will. In Stockholm, wo wir wohnen, sind die Entbindungskliniken stark ausgebucht und es ist nicht sicher, ob man einen Platz in seiner Wunschklinik bekommt. Aber alle Geburtskliniken haben einen sehr hohen Standard und sind alle gleichwertig. Einen Kaiserschnitt macht man eigentlich nur auf medizinische Indikation. Man kann jedoch den Wunsch dazu äussern. Die Mutter kann selber wählen, welche Art der Anästhesie sie möchte. Vor der Entbindung gibt es eine regelmässige Mutterschaftsbetreuung, um zu sehen, ob Mutter und Kind wohlauf sind. Die haben z.B. Ultraschalls im Angebot, aber auch Elternkurse. All das ist kostenlos. Nach der Entbindung können beide Eltern zusammen mit dem Baby in der Klinik übernachten. Die Kosten für den Vater betragen 20 Euro, inklusive Verpflegung.

Wie sieht es mit der Betreuung nach der Geburt aus?
Die Versorgung nach der Geburt ist sehr gut organisiert. Es gibt ein kostenloses Gesundheitsprogramm, welches jeweils mit einem Hausbesuch beginnt. Danach gibt es regelmässige Kontrolluntersuchungen bis zum Schulanfang inklusive Impfungen.

Spannend! Erzähl uns etwas über die Kinderbetreuung.
Es gibt viele verschiedene Arten der Kinderbetreuung in Schweden. Kinderkrippen sind weit verbreitet, aber man kann auch eine Tagesmutter nehmen. Für diejenigen Eltern, die auch nachts arbeiten, gibt es eine Nachtbetreuung. All das hat einen hohen Standard und wird pädagogisch unterstützt. Kinderbetreuung ist zum grössten Teil staatlich finanziert, aber man findet auch private Einrichtungen. Als Eltern bezahlt man einen Beitrag, der vom Einkommen abhängt, aber höchstens 100 Euro pro Kind und Monat beträgt. Es ist vorgesehen, dass ein Elternteil für ein bis zwei Wochen das Kind begleitet.

Wie sieht es mit der Kindererziehung aus? Wie funktioniert das Schulsystem?
Kinderbetreuung und Erziehung in Schweden betrifft beide Eltern in gleicher Weise. Mehr, als dies in anderen Ländern der Fall ist, und das finde ich gut. Auch bei den Arbeitgebern ist das Verständnis gross, dass sich beide Eltern nach der Geburt die Aufgaben teilen. Dieses System kann die Familienbande besonders stärken. Beide Eltern können sich 18 Monate nach der Geburt um das Baby kümmern (zum Beispiel jeweils neun Monate). Auch wenn ein Kind krank ist, bekommen die Eltern frei. In Schweden bringt man die Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren zur Kita, die wie eine Schule mit Schwerpunkt auf das Spielen geführt wird. Mit sechs Jahren beginnt die Schule halbtags, die Kita bleibt ebenfalls halbtags bestehen. Mit sieben fängt dann die Schule an. Schulen sind kostenlos.

Wie ist die Zeit nach der Geburt geregelt? Was für Arbeitsmodelle sind verbreitet?
Unmittelbar nach der Geburt hat der Vater das Recht auf zwei Wochen Urlaub, damit sowohl Mutter und Vater zu Hause sind. Darüber hinaus stehen den Eltern zusammen insgesamt 450 Tage nach der Geburt zu. Jedem Einzelnen 90 Tage fix, der Rest kann beliebig untereinander aufgeteilt werden. Wenn man seine 90 Tage nicht gleich nehmen will, kann man einen Teil davon für später sparen und einlösen, wenn die Kinder zum Beispiel einmal krank sind. Für 360 Tage werden 80% des Lohnes weiterbezahlt, mit einem Maximum von 4000 Euro pro Monat. Einige Arbeitgeber zahlen auch mehr. Danach erhält man 20 Euro pro Tag, was häufig zu wenig ist. Dafür bleibt der Arbeitsplatz gesichert.

Wie kinderfreundlich empfindest du dein Leben in Schweden?
In Schweden gibt es viele Spielplätze, auch in den Grossstädten. Ausserdem gibt es viele Parkanlagen. Jeder hat das Recht, in jeden Wald zu gehen, auch wenn dieser in Privatbesitz ist. Darüber hinaus werden viele Abenteuerspielplätze mit Sport, Theater, Autoscooter usw. angeboten, die dann aber nicht kostenlos sind.

Hier in der Schweiz stehen wir immer wieder vor dem Problem, dass unsere Kinder viel mehr Ferien haben, als unser Arbeitgeber uns zur Verfügung stellt. Wie ist das bei euch? Gibt es eine Betreuungsmöglichkeit für Kinder während der Schulferien?
Normalerweise haben die Kinder auch hier länger Schulferien, als die Eltern. Die Eltern können aber zusätzliche Tage frei bekommen, wenn sie etwas von den Anfangstagen der Kleinkindversorgung aufgehoben haben. Für die Schulkinder werden zudem Ferienbetreuungen angeboten. Ausserdem gibt es zahlreiche Aktivitäten und Freizeitlager.

Was sind typische Kindergerichte in Schweden?
In Schweden sind Fleisch- oder Fischbällchen mit Kartoffelbrei oder Reis sehr beliebt. Ausserdem Würstchen in verschiedensten Ausführungen, Pfannkuchen und Fischstäbchen. Im Allgemeinen sind ökologische Lebensmittel sehr beliebt.

Was gefällt dir am besten am Leben mit Kindern in Stockholm?
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wird stark gefördert. Dennoch übernimmt auch hier die Mutter den grössten Teil der Kinderbetreuung. Aber immerhin sorgt der Papa im Kleinkindalter für mindestens sechs Monate für die Kinder.

Und was gefällt dir weniger?
Das schwedische System baut auf der Vollzeitarbeit von Mann und Frau auf. Das bringt naturgemäss Probleme für das gemeinsame Familienleben mit sich, weil beide Elternteile Vollzeit arbeiten. Das merkt man natürlich sehr, wenn die Kinder noch klein sind.

Im Sommer ist es in Schweden lange hell, im Winter dunkel. Wie verändert das eure Alltagsroutine?
Wir machen keine grossen Unterschiede im Alltag, unabhängig von den Jahreszeiten. Im Sommer haben wir dunkle Vorhänge, um die späte Sonne abzuschirmen. Wenn es wärmer wird, bleibt man natürlich länger draussen, aber wir gehen auch im Winter häufig raus. Im Winter fahren wir Schlittschuh oder Ski, bauen Schneemänner und gehen auf Spielplätze. Im Sommer sind die Spielplätze der Hit, und wir sind oft in unserem Sommerhaus in den Schären vor Stockholm.

Ich habe mal gelesen, dass Babys in Schweden oft vor den Cafés draussen im Kinderwagen schlafen (bei jedem Wetter), während die Eltern drinnen Kaffee trinken. Stimmt das?
Ja, das stimmt. Die Kinder schlafen häufig im Kinderwagen im Freien. Wenn man in ein Cafe geht, lässt man den Wagen mit den schlafenden Kinder schon einmal draussen stehen, auch bei schlechterem Wetter. Aber in der Grossstadt sollte man dabei schon vorsichtiger sein. Zu Hause lässt man die Kinder auch gern draussen im Garten im Kinderwagen schlafen - sie schlafen dort einfach besser.

Wir kennen aus Schweden all die berühmten Kindergeschichten, wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder Willi Wiberg. Sind diese auch heute noch populär bei euch?
Ja, diese Bücher sind sehr populär, aber es gibt auch andere: Petterson & Findus oder Ingrid zum Beispiel. Ausserdem sind Fernsehserien, wie die von Walt Disney sehr beliebt. Oder schwedische Serien, wie Babblarna.

Lieber Hans, vielen Dank für das spannende Gespräch!