Eltern sein rund um die Welt

 

Kristina ist Autorin des Blogs www.kristinavomdorf.com
(Facebook: www.facebook.com/kristinavomdorf),
kommt ursprünglich aus Deutschland und lebt heute mit ihrem Partner und ihrer vier Monate alten Tochter in Kopenhagen.

Liebe Kristina, erzähl uns doch mal, wie bist du nach Kopenhagen gekommen?
Aus beruflichen Gründen bin ich für meinen Freund bereits von Sachsen nach Stuttgart umgezogen. Als er dann ein Jahr später ein super Jobangebot aus Kopenhagen bekam, hat er dieses zuerst abgelehnt. Eigentlich wollten wir nicht ins Ausland und Dänemark klang für mich nach kaltem, windigem und nassem Wetter. Ich war nie zuvor in unserem Nachbarland, war aber schon immer ein Fan der südlichen Länder mit mildem Klima und gefühlten 24 Sonnenstunden pro Tag. Nach einigen schlaflosen Nächten wollten wir raus, raus aus unserer Komfortzone, raus aus Deutschland und rein in das Abenteuer Dänemark - trotz einiger Bedenken, Vorurteile und Ängste.

Und wie habt ihr euch in Kopenhagen eingelebt?
Nun leben wir schon seit fast zwei Jahren zwischen Smørrebrød, „hygge“ sein und den glücklichsten Menschen der Welt. Dass ich mich nach wenigen Wochen so in dieses wundervolle skandinavische Land verlieben würde, war überhaupt nicht abzusehen. Wie lange ich die Sonnenaufgänge am Meer, die ausgeglichenen Menschen und die verrückte dänische Sprache noch geniessen kann ist allerdings Ungewiss. Mein Freund ist im Sport tätig und so hart es ist, jeden Monat kann unsere Zeit in der neuen Heimat vorbei sein und ein anderes Abenteuer auf uns warten. Dänemark wird aber immer einen grossen Platz in unserem Herzen einnehmen, denn hier haben wir das grösste Geschenk überhaupt bekommen: Unsere vier Monate alte Tochter Liva.

Erzählst du uns etwas über deine Schwangerschaft in Dänemark?
Die Dänen sind beim Thema Kinderkriegen sehr viel entspannter als die Deutschen. Die Schwangerschaft und Geburt wird hier als das Natürlichste der Welt angesehen. Im dritten Monat wird zum ersten Mal mit Hilfe des Ultraschalls nach dem Baby geschaut. Die Feindiagnostik erfolgt dann wie in Deutschland im sechsten Monat. Das war’s! Es gibt keine weiteren Aufnahmen vom Kind. Wenn bei diesen beiden Untersuchungen keine Unregelmässigkeiten festgestellt werden, besucht man, wenn man möchte, nur noch zwei Mal den Hausarzt. Dieser fragt eigentlich auch nur nach dem Befinden der Mutter und ob es regelmässige Kindsbewegungen gibt. In Dänemark geht man mit einer Schwangerschaft nicht zum Gynäkologen und es gibt auch keinen Mutterpass. Für die Ultraschalluntersuchungen besucht man das spätere Geburtskrankenhaus. Am Anfang war es sehr schwer für mich, diese wenigen Untersuchungen zu akzeptieren, wahrscheinlich war ich einfach zu deutsch und wollte Sicherheit, wo es keine Sicherheit gibt. Mit jedem Monat habe ich mich dann mehr und mehr auf das Loslassen und Geniessen eingelassen und völlig auf meinen Körper vertraut. Ab diesem Moment war die Schwangerschaft unbeschreiblich schön, ohne Ärzte, Untersuchungen und Bluttests.

Und siehst du auch Unterschiede bei der Geburt im Vergleich zu Deutschland?
Wie auch in Deutschland finden die meisten Geburten in Krankenhäusern statt. Allerdings geht ein Grossteil der Mütter bereits direkt nach der Geburt mit dem Baby nach Hause. Auch Erstgebärende bleiben nicht lange im Krankenhaus, wenn es nicht nötig ist. Ich habe mit Liva bereits am zweiten Tag die Klinik verlassen und habe diese Entscheidung keine Sekunde bereut. Auch in Dänemark wird auf Wunsch eine PDA gesetzt und es kommt Lachgas zum Einsatz. Diese Tatsache hat mich, während ich in den Wehen lag, eiskalt erwischt. Ich hatte bewusst keinen Geburtsvorbereitungskurs besucht und war ziemlich überfordert, als ich die Lachgasmaske angeboten bekam. Den ausführlichen Text zu meiner Geburt findet ihr auf meinem Blog. Während der Geburt ist kein Arzt anwesend, wenn die Geburt ohne Komplikationen verläuft. Die diensthabende Hebamme betreut die Gebärende und holt, wenn nötig für die PDA, eine Anästhesistin hinzu. Natürlich gibt es auch hier Hausgeburten und Privatkliniken. Ich habe mich allerdings für eine natürliche Geburt im Krankenhaus entschieden und würde es beim zweiten Kind genauso machen.

Wie ist die Betreuung nach der Geburt geregelt?
Vor der Geburt hat man ein paar wenige Treffen mit einer Hebamme, die einem zugeteilt wird. Nach der Geburt ist diese nicht mehr zuständig. In Dänemark erfolgt die Nachbetreuung bis zu einer Woche nach der Geburt durch das Geburtskrankenhaus. Danach kommt eine sogenannte „Sundhedsplejerske“ (eine Art Krankenschwester / Kinderkrankenschwester) zu Besuch und schaut nach der Mutter und dem Kind. Diese Betreuung ähnelt der einer Hebamme. Im dritten Monat werden die Babys, auf Wunsch, zum ersten Mal geimpft. Allerdings gibt es in Dänemark nicht die in Deutschland üblichen U-Untersuchungen. Direkt nach der Geburt hat uns meine Sundhedsplejerske gefragt, ob Liva und ich Teil einer Muttergruppe werden wollen. Diese Muttergruppe besteht nun aus sechs Müttern, alle Kinder sind altersmässig max. zwei Wochen auseinander, und wir kommen alle aus dem gleichen Stadtteil - besser geht es nicht. Wir treffen uns jede Woche für mehrere Stunden und besuchen auch Baby-Aktivitäten, wie Baby-Stimulation und Baby-Yoga oder gehen ins Schwimmbad.

Wie sieht die Kinderbetreuung in Dänemark aus?
In Dänemark ist die überwiegende Mehrheit der Kinder in städtischen Einrichtungen. Viele Dänen nutzen Kinderkrippen und Kindergärten, aber es gibt auch Tageseinrichtungen und private Pflegeeinrichtungen. Es gibt also verschiedene Möglichkeiten. In meiner Gegend überwiegen die kommunalen Kindergärten, es gibt nur eine private Einrichtung. Nur wenige Eltern betreuen ihre Kinder zu Hause. Oft kommen in diesen Fällen Babysitter oder die Grosseltern zum Einsatz.

Kannst du uns etwas über die Kindererziehung erzählen? Gibt es da Unterschiede, die dir besonders aufgefallen sind?
Meiner Meinung nach haben die Dänen eine ganz tolle Art, mit ihren Kids umzugehen. Im ersten Moment klingt es vielleicht komisch, aber die Dänen behandeln ihre Kinder wie Erwachsene. Sie werden viel mehr mit einbezogen, haben Mitspracherecht und sind dennoch wahnsinnig gut und liebevoll erzogen. Ich habe auch den Eindruck, dass die Kinder hier mit deutlich weniger Angst und Vorsicht erzogen werden. Das geht, wie bereits geschrieben, schon bei der Schwangerschaft los und auch im Kleinkindalter dürfen die Mini-Dänen ganz viel selbst erkunden und ausprobieren. Ob Sommer oder Winter, die Babys schlafen stundenlang in ihrem Kinderwagen vor den Cafés oder auf den Terrassen. Für mich ist es eine riesige Umstellung, wenn ich zu Besuch in Deutschland bin und als Einzige mein Baby bei fünf Grad vor einem Café parke. Aber es funktioniert, man wird entspannter und Liva schläft stundenlang in ihrem Wagen. Auch die Mamas/ Eltern kommen nicht zu kurz. Es gibt tolle Angebote wie das „Baby-Kino“, perfekt, um als Mutter ein paar Stunden abzuschalten und die Kinder an andere Menschen zu gewöhnen. Ich möchte mir so viel wie möglich von den Erziehungsmethoden der Dänen abschauen. Die Kinder hier schätzen das Zusammensein mit ihrer Familie, spielen viel im Freien und können sich auch mal alleine beschäftigen. Alles Werte, die ich meiner Tochter gern mit auf den Weg geben möchte.

Spannend! Wie ist der Mutterschaftsurlaub geregelt und gibt es eine Auszeit für Väter?
Je nach Beschäftigungsbedingungen der Eltern geht es nach der Geburt weiter. Wenn die Mutter beim Staat beschäftigt ist, stehen ihr 40 Wochen Mutterschaftsurlaub zu. Davon sind die ersten 14 Wochen der Mutter vorbehalten, die verbleibende Zeit darf mit dem Vater geteilt werden. Uns betreffen diese Regelungen nicht. Da ich in Dänemark selbstständig bin und mein Partner in einem Job arbeitet, in dem es nicht möglich ist, eine Auszeit zu nehmen. Normalerweise stehen dem Vater aber 14 Tage Vaterschaftsurlaub nach der Geburt zu. In der freien Wirtschaft ist für die Mutter bis zu einem Jahr Babypause normal. Trotz der Tatsache, dass die Väter weiter volles Gehalt erhalten, wenn sie in den Vaterschaftsurlaub gehen, bleiben auch in Dänemark grösstenteils die Mütter nach der Geburt zu Hause. Nach diesem Jahr arbeiten die meisten Elternpaare wieder Vollzeit und sind oft auf Kindermädchen oder Grosseltern angewiesen. Man kann sich aber mit dem Arbeitgeber für einen begrenzten Zeitraum auch auf eine 32-Stunden-Woche einigen.

Wie kinderfreundlich empfindest du dein Leben in Dänemark?
Dänemark ist ein sehr soziales und kinderfreundliches Land. Es gibt zahlreiche Spielplätze und super viele Angebote für Kinder. Auch mit einem Baby ist man nicht gehemmt, das Stillen in der Öffentlichkeit ist absolute Normalität. Es gibt in nahezu jedem Lokal oder Café einen Wickelplatz. Ausserdem gibt es in Dänemark nicht nur endlos erscheinende Radwege, sondern auch Fusswege. Man kann also kilometerweit mit dem Kinderwagen das Land erkunden, ohne Bordsteinkanten oder gefährliche Strassenabschnitte. Natürlich bietet auch das Meer zahlreiche Möglichkeiten. Mit einer Babytrage kann man endlose Spaziergänge machen, und wenn die Kids älter sind, können sie am Strand spielen oder im Meer baden. Für die Dänen haben Kinder und Familie oberste Priorität.

Wie sind die Ferien in Dänemark geregelt. Gibt es eine Betreuungsmöglichkeit während der Schulferien?
Es gibt Sommerferien, Herbstferien, Weihnachtsferien, Winterferien und Osterferien. Diese Ferien nutzen die Dänen, um mit ihrer Familie zusammen zu sein oder in den Urlaub zu fahren. Dafür legen sie ihre Urlaubstage auf diese Ferien. Viele Dänen gehen normalerweise in den Süden, wenn sie Urlaub machen. Skifahren geht man im Winter in Norwegen, Schweden, Frankreich oder Österreich, während andere im Winter auch nach Thailand fliegen. Während der Schulferien besteht die Möglichkeit einer teilweisen Betreuung in der schulischen Freizeit, aber das ist von Schule zu Schule unterschiedlich. Was den Kindergarten betrifft, ist es ähnlich. Die öffentlichen Kindergärten haben bestimmte Schliesszeiten, so dass das Kind in einem anderen Kindergarten untergebracht werden kann oder die Eltern zu Hause auf ihre Kinder aufpassen müssen. Private Kindergärten haben hauptsächlich an Wochenenden und Feiertagen geschlossen.

Gibt es ein typisches Kinder- oder Familienessen in Kopenhagen?
Normalerweise beginnen die Kleinen irgendwann zwischen sechs und zwölf Monaten Obstbrei und Porridge zu essen. Es gibt zum Beispiel verdünnte Haferflocken, Hirse oder Mais. Sobald die Kinder dann richtig verstanden haben, wie das Essen gekaut wird, essen sie fast das Gleiche wie die Erwachsenen. Dazu gehören typische Kindergerichte wie Pasta, Lasagne oder Fleischbällchen.

Was gefällt dir am Besten am Leben in Dänemark?
Ich war schon immer ein sehr fröhlicher und lebensbejahender Mensch, aber so glücklich, ausgeglichen, ruhig und zufrieden wie derzeit in Dänemark war ich noch nie. Das Leben am Meer, in dieser wundervollen Umgebung ist einfach fantastisch. In Dänemark ist man nie weiter vom Meer entfernt als 50 Kilometer, ein Traum. Ich habe mich von Anfang an super aufgenommen und unterstützt gefühlt, spreche mittlerweile auch relativ gut die (witzige) Sprache. Die Dänen haben schon einige Male die Auszeichnung „Glücklichste Menschen der Welt“ in dieses kleine Land geholt. Wenn man ein paar Monate hier gelebt hat, weiss man sofort warum. Hier zählen Werte wie Familie, Natur, Entspannung und das Leben zu geniessen. Man hält sich nicht an materiellen Dingen fest, wechselt das Haus oder den Job, wenn man nicht mehr glücklich ist, hat erkannt, dass es einen nicht glücklich macht, wenn man die meisten Überstunden auf dem Konto hat. In Deutschland sprechen zur Zeit alle über „Hygge“, bringen sogar Magazine darüber auf den Markt. In Dänemark lebt und ist man HYGGE, hier hat man es schliesslich erfunden!

Und zum Schluss: Gibt es etwas, das dir gar nicht gefällt?
Es könnte ab und zu etwas wärmer sein!

Liebe Kristina, vielen Dank für diesen spannenden Einblick in euer Leben in Kopenhagen!